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Ausgabe „Mittelstandsfinanzierung 2010“ der Unternehmeredition


Creditreform, 01.08.2010

Interview mit Volker Ulbricht, Hauptgeschäftsführer, Verband der Vereine Creditreform e.V.

Unternehmeredition: Herr Ulbricht, welche Bedeutung hat der Lieferantenkredit inzwischen in der Finanzierungsstrategie der mittelständischen Unternehmen eingenommen? Wie hoch schätzen Sie im aktuellen Wirtschaftsumfeld das Ausfallrisiko ein? Wird sich das Risiko im Laufe des Jahres weiter verschärfen?
Ulbricht: Die Kreditversorgung der Unternehmen wird in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals auf die Geldkreditversorgung seitens der Hausbanken reduziert. Gleichwohl sind Lieferantenkredite in der Finanzierungspraxis der Unternehmen viel bedeutsamer als der Geldkredit. Lieferantenkredite machen aktuell rund 12 Prozent der Bilanzsumme der deutschen Kapitalgesellschaften aus, bei kleinen und mittleren Unternehmen sind es sogar 18 Prozent. Kurzfristige Bankverbindlichkeiten schlagen dagegen nur mit 4,3 Prozent zu Buche.

Das Ausfallrisiko ist im letzten Jahr gestiegen. Das zeigt schon der Wiederanstieg der Unternehmensinsolvenzen auf rund 34.000 Fälle. Gestiegen ist auch der Creditreform Risiko-Indikator. 2,3 von 100 Unternehmen wiesen in den vergangenen zwölf Monaten ein Negativmerkmal wie massiven Zahlungsverzug oder einen Insolvenzantrag auf. Für das laufende Jahr ist - parallel zur Entwicklung bei den Unternehmensinsolvenzen - mit einem weiteren Anstieg der Ausfallrisiken zu rechnen.

Unternehmeredition: Welche Möglichkeiten bieten Wirtschaftsauskunfteien, dieses Risiko zu minimieren? Wie stark wird deren Angebot genutzt? Wie hoch sind die Kosten?
Ulbricht: Wirtschaftsinformationen helfen, Ausfallrisiken zu identifizieren und zu steuern. Die Einsatzmöglichkeiten für Wirtschaftsinformationen sind vielfältig und erstrecken sich über verschiedene Phasen einer Kundenbeziehung. Im Direktvertrieb helfen sie, bonitätsstarke Kundenpotenziale zu identifizieren. Bei neuen Geschäftsverbindungen tragen Informationen zu den aktuellen Stammdaten, zur Adresse oder den gesetzlichen Vertretern dazu bei, einen Geschäftspartner besser kennen zu lernen. Angaben zur Ausfallwahrscheinlichkeit und zum empfohlenen Kreditlimit ermöglichen die risikoadäquate Konditionierung der Geschäftsbedingungen. Im Geschäft mit Bestandskunden erfüllen Wirtschaftsinformationen eine Frühwarnfunktion durch Monitoring. Risikorelevante Veränderungen der Kunden- oder Lieferantenbonität werden automatisiert gemeldet. Zu guter Letzt eignen sich die Informationen aus der Wirtschaftsauskunft auch zur Steuerung im Forderungsmanagement. Einzelmaßnahmen in Mahnwesen und Inkasso können so für jeden Schuldner individuell angepasst werden.

Creditreform hat in den vergangenen Jahren jeweils mehr als 14 Millionen Wirtschaftsauskünfte über Unternehmen erteilt. Aufgrund der dezentralen Struktur mit bundesweit 130 auch in der Preisgestaltung eigenständigen Geschäftsstellen sind verallgemeinernde Aussagen zu Preisen für Wirtschaftsauskünfte schwierig zu treffen. 126.000 Kunden haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Es ist preislich ein Unterschied, ob ein paar Dutzend Auskünfte oder einige zehntausend im Jahr abgenommen werden. Auch die Kombinationsmöglichkeiten zwischen Auskunftsdienstleistungen, Marketing Services und Inkasso-Dienstleistungen führen zu einer unterschiedlichen Preisgestaltung.

Unternehmeredition: Auf welcher Basis werden Ihre Daten erhoben? Wie aktuell sind diese?
Ulbricht: Basis der Aussagekraft unserer Wirtschaftsauskünfte ist die Kombination aus öffentlich verfügbaren Daten und exklusiv recherchierten und bewerteten Informationen. Wichtige Quellen sind öffentliche Register und Verzeichnisse, Inkasso-Daten, Bilanzen und Geschäftsberichte, Einnahme-Überschussrechnungen und betriebswirtschaftliche Auswertungen, statistische Risikoauswertungen, Zahlungserfahrungen sowie die Tagespresse und das Internet. Die Aktualität und damit die Qualität der Wirtschaftsinformationen basiert auf der Datennähe durch die dezentrale Recherche und die Erfahrung der bewertenden Mitarbeiter. Systemseitig wird die Güte der Auskünfte durch eine leistungsfähige IT-Architektur sowie eine hohe Umschlaggeschwindigkeit in der Datenbank gewährleistet.

Unternehmeredition: Wie sollten Ihrer Meinung nach Unternehmen vorgehen, die irrtümlicherweise auf einer Negativ-Liste gelandet sind?
Ulbricht: Hier empfiehlt sich das direkte Gespräch mit der Auskunftei über die vermeintliche Fehlbewertung. In vielen Fällen kontaktieren wir die Unternehmen, bevor eventuell fehlerhafte Daten in die Auskunft einfließen. So resultieren alleine aus der Analyse aller Jahresabschlüsse jährlich mehr als 200.000 Ergänzungsrecherchen, insbesondere bei Bilanzen mit negativem Eigenkapital und fehlerhaft veröffentlichten Bilanzen.

Unternehmeredition: Creditreform hat eine neue Auskunftsgeneration eingeführt. Was sind die wichtigsten Unterschiede?
Ulbricht: Die neue Auskunftsgeneration eröffnet die Möglichkeit zu einer differenzierten und bedarfsgerechten Abfrage von Informationen. So umfasst das Portfolio neben Lösungen für Kreditentscheidungen im mittleren und hohen Risikobereich auch Auskunftsformate für die schnelle Bonitätsprüfung bei geringen Risiken. Gleichzeitig kann für die neue Auskunftsgeneration eine breitere Datenbasis genutzt werden. Das zeigt ein Blick auf die Inhalte der neuen Wirtschaftsauskunft, die zusätzlich zu denen der bisherigen Vollauskunft enthalten sind. Von großer Bedeutung sind dabei etwa die mehr als 90 Millionen Zahlungserfahrungen aus dem Debitorenregister Deutschland, dem Zahlungserfahrungspool von Creditreform. Darüber hinaus stehen 3,2 Millionen Bilanzen zu 950.000 Unternehmen zur Verfügung. Weitere neue Inhalte sind Angaben zur Ausfallwahrscheinlichkeit eines Unternehmens, zu Beteiligungen und Funktionen der Beteiligten sowie zum Firmenstatus und zur Firmenhistorie.

Unternehmeredition: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Zahl der Insolvenzen in den nächsten 12 Monaten weiterentwickeln? Wann rechnen Sie mit einem Ende der Krise?
Ulbricht: Für das laufende Jahr rechnen wir mit einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen auf 38.000 bis 40.000 Fälle. Eine Erholung beim Insolvenzaufkommen erwarten wir frühestens im Jahr 2011.

Unternehmeredition: Herr Ulbricht, vielen Dank für das Gespräch!



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